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ARTIKEL

Wider die Schwerkraft
Footbag in Berlin [16.06.08]


Wider die SchwerkraftKnochenhautentzündung am Schienbein, Knieprobleme, Ballenschmerzen – das klingt nicht nach Funsportart. Für ein paar Berliner ist Footbag weit mehr als ein gelegentliches Park- oder Schulhofvergnügen. Und sie sind bereit dafür zu leiden. Einer von ihnen ist Yves Kreil. Er ist amtierender deutscher Freestyle-Meister, Spitzname „The Crusher“. Derzeit trainiert der Dreiundzwanzigjährige allerdings „nur“ drei bis vier mal die Woche jeweils rund drei Stunden. Schließlich studiert er Bio-Chemie und befindet sich mitten im Semester. Daher ist er momentan zwar ohne Blessuren, aber trotzdem nicht sicher, ob er es zeitlich schafft, im Juli an der Europameisterschaft in Montpellier teilzunehmen. Die einen Monat später stattfindende Weltmeisterschaft in Prag hingegen ist schon fest eingeplant.
Wider die SchwerkraftYves, ist zugleich Vorsitzender des FC Footstar. Der Verein hat gerade sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert und ist mit dafür verantwortlich, dass Berlin neben Frankfurt zum Footbag-Zentrum der Republik wurde. Die Gründungsmitglieder um Jan Zimmermann und Ole Schnack organisierten 1999 im Görlitzer Park in Kreuzberg die erste Footbag-EM. Für viele der Durchbruch des Sports in Deutschland und Europa. Auch für den damals vierzehnjährigen Yves war das Turnier ein prägendes Erlebnis. Zuvor war Footbag fast ausschließlich ein amerikanisches Phänomen. John Stalberger und Mike Marshall hatten das Spiel mit dem kleinen Ball dort Anfang der 70er Jahre populär gemacht. Sie nannten es „Hacky Sack“, wie die Bälle selbst immer noch oft tituliert werden. Seitdem hat sich einiges getan. Die heutzutage gängigsten Varianten sind Circle (das legere Jonglieren im Kreis), Netz (eine an Tennis und Volleyball erinnernde Spielart auf einem Badminton-Feld) und Freestyle (das fantasievolle Einbauen möglichst anspruchsvoller Tricks in eine Choreografie). Vor allem letztere hat sich im vergangenen Jahrzehnt grundlegend gewandelt.
Dominierten früher Kabinettstückchen und Showeinlagen, wie man sie auch von Fußball-Jongleuren als Pausenunterhaltung kennt, legt die „new school“ Wert auf Vielfalt und Schwierigkeit der Tricks. Bei Wettkämpfen werden diese von der Jury in „adds“ gemessen. Eine Kür dauert in der Regel zwei Minuten. Viele der gezeigten Tricks sind so schnell, dass selbst die Jurymitglieder Schwierigkeiten haben alles zu erfassen. Wenn die Besten den fliegenden Ball mit den Beinen umkreisen (Dexterities) scheint Newtons Gravitationstheorie außer Kraft gesetzt zu sein. Theoretisch lassen sich rund 30.000 Tricks kombinieren. Die schwierigsten, etwa einen Nemesis, beherrschen weltweit nur eine Handvoll Spieler. Beim Laienzuschauer würde diese Kombination selbst in Zeitlupe eher Verwirrung als Bewunderung hervorrufen.
Wider die SchwerkraftWer wenig von diesem Sport versteht, ist als Zuschauer ohnehin besser beim Netz-Footbag aufgehoben. Hier werden wie beim Tennis sowohl Einzel als auch Doppel gespielt. Der Ball darf nur mit den Füßen oder dem Schienbein, nicht jedoch mit den Knien oder der Brust berührt werden. Die deutsche Hochburg dieser Spielart ist Frankfurt. Hier trainieren auch die amtierenden Doppelweltmeister Florian Götze und Patrick Schrickel. Beim Freestyle hingegen ist Berlin national ohne ernsthafte Konkurrenz. Die Meister der vergangenen Jahre kommen allesamt aus der Hauptstadt. Übrigens auch bei den Frauen. Julia Böhm etwa gewann den Titel gleich sieben Mal.
Wider die SchwerkraftWas macht einen guten Footbag-Spieler eigentlich aus? Ole Schnack, der bereits vor fast zwei Jahrzehnten in Texas den Hacky kreisen ließ, muss nicht lange überlegen. Für ihn ist, angesichts der immer komplexer werdenden Tricks, die Konzentrationsfähigkeit essentiell. Der derzeit weltbeste Freestyler, der Tscheche Vasek Klauda, ist zugleich ein begnadeter Schachspieler. Zahlreiche andere Spitzenspieler sind talentierte Naturwissenschaftler. Für Yves zählen daher ganz ähnliche Eigenschaften wie für Ole. Neben der Konzentration kommt es für ihn auf die geistige und körperliche Beweglichkeit an. Letztendlich entscheidend sind jedoch, wie in fast allen anderen Sportarten auch, Ehrgeiz und Trainingsfleiß. Schließlich liegtder Ball im ersten halben Jahr erfahrungsgemäß mehr auf dem Boden als auf dem Spann.
Doch nur wenige Footbag-Spieler sind bereit, ihr Spielgerät in einer Turnhalle bis zur Knochenhautentzündung zu jonglieren. Für die meisten ist es eine gelegentlich praktizierte Schönwetter-Funsportart. Bevorzugte Treffpunkte sind der Mauerpark, der Volkspark am Friedrichshain oder der Görlitzer Park. Während im Friedrichshain gern Netz gespielt wird, versuchen sich im Mauerpark vor allem Freestyler an neuen Tricks oder lassen einfach den Bag im Kreis tanzen. Wer ihnen dabei zuschaut, gewinnt schnell den Eindruck, dass es kaum eine urbanere und entspanntere Sportart gibt. Footbag kann fast überall gespielt werden und der Kreis ist beliebig erweiterbar. Daher auch der beliebte Spruch: Join the Circle. Ein weiteres Plus: Teures Equipment ist nicht nötig. Das Spielgerät selbst kostet weniger als eine Kinokarte. Wer möchte kann damit sogar Golf spielen. Auch diese Variante des Sports ist gerade wieder im Kommen.
Wider die SchwerkraftWie bei den Profis sind auch viele Spieler in den Berliner Parks jung und gebildet. Böse Zungen bezeichnen Footbag daher auch als Gymnasiastensport. Das sicherste Erkennungsmerkmal sind jedoch die Schuhe. Fast alle die diesen Sport etwas ernsthafter betreiben, tragen das gleiche Modell: Den Tennis Schuh „Rod Laver“ von Adidas. Von den Profis wird der Schuh allerdings noch weiter modifiziert, indem Teile des Innenfutters herausgeschnitten werden und eine spezielle Schnürung gewählt wird. Modisch und musikalisch steht Footbag dem Hip Hop und Reggae nahe. Das hält allerdings finnische oder tschechische Spieler nicht davon ab, bei Wettkämpfen ihre Tricks gern zu traditioneller Volksmusik vorzuführen.
Nicht nur die deutsche, auch die internationale Footbag-Szene versteht sich als eingeschworene Gemeinschaft. Sie ist immer noch so klein, dass hier jeder jeden zu kennen scheint. Prag, Helsinki und Zürich sind neben Berlin und Frankfurt die europäischen Footbag-Metropolen. Verbissen geführte Konkurrenzkämpfe um Titel gibt es jedoch nirgendwo. Für andere Sportarten ebenfalls schwer vorstellbar, dass die Stars der Szene ihre eigenen Bälle nähen. Während die ersten Prototypen mit Reis gefüllte Socken waren oder aus nur zwei Lederflicken bestanden, werden jetzt meist 32 Kunstlederflicken (wie bei einem traditionellen Fußball) verwendet. Diese werden dann je nach Vorlieben mit Plastikgranulat, Sand, Metallkugeln und Glas gefüllt. Während die Netz-Bälle knochenhart sind, wird Freestyle mit weichen Bällen gespielt. Die in aufwändiger Handarbeit produzierten Player Bags sind fast schon kleine Kunstwerke.
All jene, die mit eigenen Augen sehen wollen, was die Besten der Zunft mit ihren selbst gebastelten oder gekauften Bällen anstellen, sei der „Berlin Footbag Summer“ empfohlen. Im direkten Anschluss an die Weltmeisterschaft in Prag wird die internationale Footbag-Community vom 18. bis 24. August in Berlin der Schwerkraft trotzen.

Weitere Informationen, Bilder und Videos unter:

www.footbag.org
www.fcfootstar.de

Autor: Ronald Kaduk
Bilder: www.planetfootbag.com


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