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Wissenschaft & Praxis: Freistossschießen
Freistoß-WM in den USA: Schlenzen oder draufhauen? [17.06.08]


Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenDer Freistoß ist der einzige Moment im Spiel, in dem die Beteiligten nicht hinter dem Ball her jagen oder neumodische Taktikvarianten über das Feld verschieben. Er lässt zwischendurch etwas Zeit zum Durchatmen – alle Augen sind nur auf den Schützen und den Ball gerichtet. Wir haben ein paar Experten gefragt, die es wissen müssen: Was ist eigentlich wichtig bei einem guten Freistoß? Schlenzen oder draufhauen? Hoch oder flach? Direkt oder indirekt?
Am 5. Juli 2008 treten in Houston/Texas die 30 vermeintlich besten Freistoßschützen der Welt an, um ein für alle Mal der einen Frage auf den Grund zu gehen: Wer ist der König des ruhenden Balls? Wie die Antwort ausfallen wird, steht allerdings noch in den Sternen. Bereits im Jahr 2005 wurden bei der ersten Freistoß-WM in Marbella große Namen angekündigt. Unter mysteriösen Umständen sagten dann kurz vor Beginn nach und nach Beckham, Totti und Roberto Carlos ab, so dass im Finale lediglich durchschnittlich weltberühmte Kicker wie Orlando Engelaar, Hamilton Ricard, Ugur Yildrim und Shen Si den „Freistoß-Weltmeister“ unter sich ausspielten.
Der einzig wirklich klangvolle Name des Wettbewerbs war ein gewisser Zinédine Zidane. Jener Zidane verzichtete aber gönnerhaft auf die Qualifikationsrunde und stieg zwanzig Minuten vor seinem ersten Freistoß aus dem extra für ihn gecharterten Privatjet, um nach einer ganz lockeren Runde Warmtraben und ausdauerndem Händeschütteln mal eben neunzehn Freistöße in die Mauer zu treten. Den zwanzigsten versenkte er dann doch und schaffte es so auf den fünften Platz. Das ganze Spektakel war also eher ein riesiger PR-Zirkus, als ein ernsthafter Vergleich der weltbesten Schlenzer und Scharfschützen. Selbst der letztmalige Titelgewinn rechtfertigt offenbar keine erneute Einladung. Ugur Yildirim, seit 2005 alleiniger Freistoß-Weltmeister, ist nicht im Starterfeld der Free-Kick-Masters 2008 in Houston aufgeführt. Dafür werden wieder einmal große Namen angekündigt: Ronaldinho, so heißt es, habe schon fest zugesagt. Dazu Messi, Bernd Schneider, del Piero, van der Vaart – man darf also gespannt sein, wem diesmal etwas Dringendes dazwischen kommt, etwa Omas Geburtstag oder ein Friseurtermin.

Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenUnd was sagen die Bolzen Experten?

Naldo (26 Jahre) spielt bei Werder Bremen und ist nicht nur einer der besten Verteidiger der Liga sondern auch ein gefürchteter Freistoßschütze. Seine brettharten Schüsse bereiten den Torhütern regelmäßig Probleme und sorgen zudem dafür, dass sich niemand mehr freiwillig in die Mauer stellen will.
„Wie man ein guter Freistoßschütze wird? Arbeiten, arbeiten, arbeiten, Technik und Konzentration. Freistöße aus großer Distanz liegen mir wohl ein bisschen im Blut, ein starker Schuss dazu. Auch vor meiner Bremer Zeit bin ich immer gern angetreten. So unspektakulär das klingt, aber die oberste Priorität, gerade bei Fernschüssen, liegt darin, dass der Ball einfach mit Geschwindigkeit aufs Tor kommt. Wichtig ist natürlich auch Konzentration und dass man richtig zum Ball steht. Da kann jeder Zentimeter entscheiden. Der Anlauf sieht bei mir fast immer gleich aus, meistens fünf Schritte. Aber jeder ist da anders. Ich lege nach dem Training auch die eine oder andere Sonderschicht ein. Nur nicht zu Hause, denn Diegos Garten ist zu nah, ich will ja keine Fensterscheiben einschießen (lacht). Nein, im Ernst, was mir sehr viel bedeutet und Selbstvertrauen gibt, ist, dass der Trainer mich immer ermutigt zu schießen. Der Rest kommt dann von alleine.“



Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenAntonio da Silva (30) spielt beim VfB Stuttgart und überraschte in dieser Saison nicht nur Schalkes Torsteher Manuel Neuer mit einem Freistoß. Auch gegen den neuen Deutschen Meister FC Bayern traf er durch einen ruhenden Ball. Genützt hat es allerdings nichts. Das Spiel ging 1:4 verloren.
„Man muss sich zwar auf die Situation konzentrieren, aber zuviel Fokus schadet auch. Bei mir ist es besonders wichtig, dass ich eine lockere Haltung bewahre und nicht verkrampfe. Ansonsten kommt meist nicht das heraus, was ich mir vorgestellt habe.
Natürlich muss man gucken, wo der Torwart steht und wie sich die Mauer aufstellt. Allerdings sollte man nicht zu viel nachdenken. Manchmal muss es auch ganz schnell gehen und da gilt, sich einfach auf seine Instinkte zu verlassen. Um ein Gefühl für einen guten Freistoß zu bekommen, muss man jahrelang trainieren. Ich habe schon als kleiner Junge immer gerne Freistöße geschossen und auch heute lege ich nach dem Training öfter mal die Kugel hin und übe. Ich bin kein Weitschütze, weil ich auch nicht so einen Hammer wie andere Spieler in der Liga habe. Ich versuche es vielmehr mit Gefühl. Deswegen ist der Raum bis 25 Meter um das Tor herum mein Bereich. Gerade hier kommt es weniger auf die Schussstärke an, sondern auf das richtige Gefühl.“



Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenMimoun Azaouagh (26) spielt beim VfL Bochum und überraschte in der Saison 2007/08 Frankfurts Torhüter Oka Nikolov, als er einen Freistoß verwandelte, während Nikolov noch dabei war, seine Mauer zu dirigieren. Der kuriose Treffer zählte und sorgte für viel Gesprächsstoff.
„Wichtig ist es, die Situation zu erfassen. Ist der Freistoß direkt oder indirekt? Muss der Schiedsrichter den Ball freigeben oder nicht? Wo steht der Torwart und wo die Mit- oder Gegenspieler? Zudem achte ich darauf, dass der Ball ruhig liegt und ich ohne Probleme anlaufen kann. Aber auch das ist von der Art des Freistoßes abhängig. Je nachdem, welchen Ball man spielt, ist es wichtig, ihn exakt zu treffen und sich vorher genau vorzustellen, wie er fliegen soll. Wenn man die Flugbahn im Geiste visualisiert und der Ball dann exakt diesen Weg nimmt, ist das einfach großartig.“



Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenManfred Kaltz (55) war in seiner aktive Zeit vor allem bekannt für seine extrem angeschnittenen Freistöße und Flanken. Er gilt als legitimer Urvater der „Bananenflanke“ und ist wichtiger Bestandteil der berühmten Weisheit „Manni Bananenflanke. Ich Kopf. Tor!“ (Horst Hrubesch) Heute leitet Manni Kaltz eine Fußballschule.
„Eine spezielle Vorbereitung bei Freistößen hat es zu meiner Zeit nicht gegeben, außer dass ich oft nach Trainingsende mit einigen Mitspielern und einem Torhüter auf dem Platz blieb, um einige Dinge einzustudieren. Um einen erfolgreichen Freistoß auszuführen, muss man natürlich beachten, von welcher Position aus geschossen wird: Von rechts brachte ich den Ball in der Regel mit sehr viel Effet vom Torwart weggezogen auf die Höhe zwischen dem Fünfmeterraum und dem Elfmeterpunkt. Dort wartete Horst Hrubesch auf den Freistoß und versenkte ihn oft. Zu beachten ist natürlich, wie der Torwart die Mauer postiert und wie er sich selbst verhält. Bestes Beispiel ist das DFB-Pokalfinale 1987 gegen die Stuttgarter Kickers, als der Torhüter in der 88. Minute mit einer Freistoßflanke aus dem Halbfeld rechnete und ich den Freistoß ins kurze Eck zum 2:1 versenkte - die Entscheidung.
Trainieren kann man Freistöße in allen Varianten. Ziel ist es, verschiedene Schusstechniken auszuprobieren. Mit einer mobilen Freistoßmauer erhält man bei vielen Versuchen die nötige Sicherheit."



Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenDr. Cathy Craig (37) ist Dozentin für visuelle Wahrnehmung an der School of Psychology an der Queen´s University Belfast. Sie fand nach Untersuchungen mit Spielern vom AC Mailand, FC Schalke 04 und Bayer Leverkusen heraus, dass das menschliche Auge rotierende Bälle, die mit hoher Geschwindigkeit geschossen werden, nicht richtig einschätzen kann. Sie gehörte zum Wissenschaftsteam, das im Auftrag von Adidas die Oberflächenstruktur des Predator-Schuhs entwickelte.
„Die Größe des Tores zwingt den Torhüter dazu, schon vor dem Freistoß zu antizipieren, wohin der Ball gehen könnte. Nur wenn er sich vor dem eigentlichen Schuss bewegt, hat er eine realistische Chance, den Ball zu halten. Dabei orientieren sich Torhüter an der Stellung des Spielers und der Lage des Balles, um aus Erfahrungswerten den eventuellen Einschlagpunkt des Balles abzuschätzen. Als ich 1997 den Freistoß von Roberto Carlos gegen Frankreich gesehen habe, begann ich mich für das Phänomen des rotierenden Balles zu interessieren. Der Mensch kann die Folgen der physikalischen Beeinflussung auf den Ball nicht vorab einschätzen. Der physikalische Effekt, der auf rotierende Bälle einwirkt, ist die so genannte Magnus-Kraft. Obwohl die Erdanziehung konstant ist, werden rotierende Bälle von der Luftumwirbelung beeinträchtigt. Dieser Effekt bringt sie dazu, verschiedene Flugbahnen zu beschreiben. Je schneller sich der Ball dreht, umso größer ist die Bahnablenkung. Da ein rotierender Körper kein natürliches Phänomen ist, fehlt dem menschlichen Auge die Möglichkeit, die Flugkurven von rotierenden Bällen abzuschätzen. Das macht es für einen Torwart erheblich schwieriger, einen angeschnittenen Freistoß abzuwehren. Besonders schwer wird es für einen Torwart, wenn zwei verschiedene Freistoßschützen, wie zum Beispiel Roberto Carlos und David Beckham, am Ball stehen.“



Wissenschaft & Praxis: FreistossschießenDr. Erich Kollath (58) ist Fußball-Dozent an der Deutschen Sporthochschule Köln und ebenfalls ein Experte auf dem Gebiet der Biomechanik. Dr. Kollath hat diverse Fachbücher über die Didaktik und Methodik im Fußballtraining veröffentlicht und ist außerdem Mitarbeiter der Trainerakademie Köln.
„Ein Freistoß ist ein sehr komplexer Prozess, bei dem ich auch als Trainer alle verschiedenen Faktoren, die einen wichtigen Einfluss auf einen Freistoß haben, berücksichtigen muss. Wo steht die Mauer? Wie ist die Position des Balles? Welche Fähigkeiten hat mein Schütze eigentlich? Kann er platziert und hart schießen oder hat er die Möglichkeit, dem Ball den richtigen Drall zu geben? Ich muss also schon im Training die Spieler finden, die so konstituiert sind, dass sie dieser anspruchsvollen Situation gerecht werden. Es reicht nicht, dass ein Spieler einen unglaublich harten Hammer hat. Viel wichtiger ist, dass der Spieler variantenreich schießen kann, um zum Erfolg zu kommen. Am besten trainiert man Freistöße natürlich mit Hindernissen, wie zum Beispiel den Air-Bodys, damit man eine wettkampfnahe Situation schafft. Wichtig ist es, Zielaufgaben zu stellen, bei denen die Spieler eine bestimmte Serie an Bällen auf vorher befestigte Fixpunkte schießen. Freistoßtraining ist ein Spezialtraining, bei dem Schusshärte und Schussgenauigkeit in bestimmten Situationen abzurufen ist. Dass Freistöße immer wichtiger werden, sieht man an den Statistiken: Im modernen Fußball fallen immer mehr entscheidende Tore nach Standardsituation wie Eckbällen und Freistößen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass Freistöße immer wieder trainiert werden.“



Autor: BenjaminKuhlhoff
Bilder: Presse; Jürgen Frost


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