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Interview mit Albert Ostermaier: „Du machst heute kein Tor!“ [14.07.08]
 Er ist mit Mehmet Scholl und Hans Meyer befreundet, er geht mit Olli Kahn essen und er hat eine Jahreskarte beim FC Bayern: Albert Ostermaier, Dramatiker, Schriftsteller, Lyriker – und Torwart der deutschen Autorennationalmannschaft, kurz Autonama. Ein Gespräch über das Ballfieber. | | Wie ist Ihre Beziehung zum Fußball?
Sehr leidenschaftlich. Die Bayern waren mal im Trainingslager in Stegen am Ammersee, 1975 war
das, ich war sieben. Sepp Maier hat mir damals ein Trikot geschenkt. Seitdem bin ich bedingungsloser Bayernfan. Die Treue zum Verein ist ja die einzige Treue, die man wirklich einhält.
Nur Ihr Vater war dagegen.
Dadurch hat sich mein Spleen noch intensiviert. Er hat mir nicht erlaubt, in einen Verein zu gehen. Ich war aber schön groß, wollte unbedingt Torwart sein, weil das nur Wenige wollen, daher war das so interessant.
Wann hat sich das verändert?
Zum Ende der Schulzeit kamen die Literatur und das Schreiben hinzu. Das hat den Fußball dann überlagert. Da habe ich zum ersten Mal so einen Unsinn gedacht: Man könne das nicht miteinander vereinbaren, das Fußballspielen würde meine Kreativität negativ beeinflussen. Das war natürlich völliger Blödsinn.
Wie merkten Sie, dass Sie falsch lagen?
Ich war im Stadion, hab’ ein Bayernspiel live gesehen und da hat es mich gepackt. Und seitdem war der Fußball immer ein ganz existenzieller Ausgleich zum Schreiben. Da habe ich die Möglichkeit, mich völlig zu vergessen, dieses permanente Vernetzen mit der Umwelt auszublenden, mich in einer Form auszuleben, die ziemlich speziell ist.
Ein Beispiel?
Ich bin niemand, der im privaten Leben schreit. Es muss schon sehr sehr weit kommen, bis ich mal jemanden anbrülle. Auf dem Platz ist das ganz anders. Da schreien wir alle und besonders ich als Keeper muss lautstark meine Abwehr dirigieren.
| | Sind das die typischen Männerrituale?
Eine der großen Anziehungskräfte des Fußballs liegt ja darin begründet, dass er uns in die Kindheit zurückversetzt. Wir kennen ihn von jungen Jahren an, wir wissen ihn zu lesen, da er uns immer begleitet hat, da er fest in uns verankert ist. Der Fußball ist in unserem Körpergedächtnis und bringt uns so immer wieder in dieses glückliche Terrain der Jugend zurück. Das sind Emotionen, die wir kennen, eine Sprache, die wir mit allen teilen können, egal wo wir sind.
Gefühle haben heißt ja oft leiden müssen, beim FC Bayern aber scheint doch nur die Sonne.
Nein. Der Bayernfan ist ja wirklich super anspruchsvoll und erlebt dadurch auch schattige Momente. Der FCB holt ja auch nicht jeden Titel. Zum Glück.
Aber fast, diese Saison könnten es drei werden.
Dann ärgert man sich über andere Dinge, etwa fehlende Automatismen zwischen Schweini und Zé, leicht durchschaubare Spielzüge. Dass sie einfach grottenschlecht spielen, dass sie nicht die Kreativität an den Tag legen, die in ihnen steckt, das, was man in sie hineinwünscht. Deshalb gibt es auch als Bayernfan diese Momente, in denen man leidet.
Wie begegnen Ihnen denn HSV-Fans oder Schalker?
Eine der wenigen Provokationen, die es heute noch gibt, ist es, Bayernfan zu sein und auch das löst sich mit Spielern wie Ribéry und Toni ja immer mehr auf. Der Fußball verliert an Reibungsflächen. Irgendwie schade!
Gucken Sie sich von Kahn, Lehmann und Neuer was ab für Ihr Torwartspiel?
Auf jeden Fall. Auf meiner Position sind Live-Spiele idealer Anschauungsunterricht. Beispiel Stellungsspiel: Es gibt ja zig verschiedene Charaktere und Interpretationen des Torhüters - das kann man sehr gut in der Bundesliga beobachten und dann für sich umsetzen. Wichtig ist vor allem ein Spiel lesen zu können, das Antizipieren.
Beschreiben Sie mal Ihr persönliches Spielniveau.
Sehr schwierig, das selbst einzuordnen. Ich spiele neben der Autonama in zwei weiteren Mannschaften: in der von Charles Schumann von Schumann’s Bar und in einer Elf der Süddeutschen Zeitung. Da spielen sogar einige Ex-Regionalligaspieler mit. Fest steht: Je älter man wird, desto bewusster kickt man.
| | Spielen Intellektuelle eigentlich anders Fußball?
Überhaupt nicht. Weder haben sie Skrupel vor der Blutgrätsche, noch zögern sie zu lange beim Torabschluss. Es ist ganz lustig zu sehen, dass ein zart besaiteter Lyriker plötzlich der härteste Abwehrchef ist, den man sich vorstellen kann. Andererseits ist unser wuchtiger Dramatiker Christoph Nussbaumeder auch auf dem Feld bayrisch derb. Der hat echte Augenthaler-Qualitäten.
Man hört, manche Autoren nähmen die Spiele etwas zu ernst.
Deshalb ist Chancengleichheit so wichtig. Durch die Einführung der neuen „Writers League“ besteht die Möglichkeit, fixe Kriterien zu erarbeiten, wer überhaupt in einer solchen Schriftstellermannschaft spielen darf. Sonst besteht die Gefahr, dass blind hochgerüstet wird.
Das heißt ‚ja’ zur Leistung, aber nicht um jeden Preis.
Der Spaß sollte nicht zu kurz kommen. Jemand, der ein genialer Kicker ist, aber keinen geraden Satz schreiben kann, brauchen wir nicht - sonst könnten wir gleich Lothar Matthäus und Stefan Effenberg fragen.
Als Torwart haben Sie auf dem Platz ja manchmal viel Zeit zum Nachdenken. Wie nutzen Sie die?
Ich genieße das. Ich suche mir frühzeitig einen Stürmer des Gegners raus und sage mir dann innerlich: Du nicht, du machst heute kein Tor!
Die archaische Duellsituation ...
Ja, das ist das Schöne. Mit guten Angreifern gibt es immer diese klassischen Eins-gegen-Eins-Situationen – das liebe ich. Kommt einer allein auf mich zu, bleibe ich wahnsinnig lange stehen, bis zum allerletzten Augenblick. Dann kommt es darauf an. Wer reagiert zuerst?
Wie auf der Bühne ...
Das ist tatsächlich wie ein Drama, nur mit einer irrsinnigen Beschleunigung. Daran kann ich mich berauschen. Gefährlich sind nur die, die nicht fackeln und einfach draufhauen, die kann man nicht berechnen.
Erkennen Sie bei sich Parallelen zu Oliver Kahn?
Ich habe viel über Kahn geschrieben, eine Figur, die eine antikische Dimension hat und eine Fallhöhe - dadurch ist er sehr interessant. Kahn demonstriert es am besten: Als Torwart ist es lebenswichtig, dem Gegner Angst zu machen.
Überdreht Kahn nicht manchmal?
Nein, finde ich nicht. Du musst den Gegner beeindrucken, Aggressivität zeigen, von Anfang an präsent sein, zeigen, dass du da bist. Ich stehe hier und wenn du auf mich zukommst, wirst du ein Problem haben. Die ersten Situationen in einem Match sind extrem wichtig. Man muss dastehen wie eine Wand.
| | Albert Ostermaier: Der Dramatiker wurde 1967 in München geboren. Nach dem Abitur studierte er Germanistik an der Uni München. 1990 erhielt er das Münchener Literaturstipendium. Ostermaier war Hausautor am Nationaltheater in Mannheim sowie für das Bayerische Staatsschauspiel. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht und erhielt dafür etliche Preise. Im März 2008 erschien mit „Zephyr“ sein erster Roman. Zudem brachte er jüngst gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Autonama den Erzählband „Titelkampf“ heraus, der von Erlebnissen auf dem Fußballplatz handelt. | | | |
Autor: Erik Wegener Bilder: Presse
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