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ARTIKEL

Nebenverdienst: Freestylen
Inoffizieller Freestyle-Meister im Interview [18.12.09]


Nebenverdienst: FreestylenDie meisten Studenten stehen vor der existentiellen Frage: Wie verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt neben der Uni? Timo Löhnenbach, 22 Jahre alter Sportstudent aus Köln, hat dafür einen vermeintlichen Traumberuf gefunden. Er verdient sein Geld als Freestyle-Fußballer nebenher und wurde vor kurzem beim Red Bull Street Style sogar zum inoffiziellen deutschen Freestyle-Meister gekürt. Jetzt darf er im kommenden Jahr beim Weltfinale in Südafrika sein Land vertreten.
Nebenverdienst: FreestylenTimo, welcher gilt denn allgemein als der schwerste Trick beim Freestylen?

In dem Lower-Bereich, also mit den Füßen, ist das wahrscheinlich der „Palle around the World“. Dabei umkreist man den Ball dreimal mit dem Fuß. Der gilt jedenfalls als einer der schwersten. Ansonsten sind es halt Combos, die man macht; man kann viele Tricks miteinander verbinden. Aber von dem schwierigsten Trick kann man wohl nicht sprechen.

Wie kann man mit dem Freestylen Geld verdienen?

Wir treten da bei Messen auf, bei Events, Werbesports und im Fernsehen – als Student natürlich ein klasse Nebenverdienst. Wir haben auch einige in unserer Gruppe, die das professionell machen – und wie ich denke auch ganz gut Leben können.

Wie lange kann man denn das Freestylen ausüben?

Schwer zu sagen. Es gibt eine Ikone, Mr Woo, der ist glaube ich Jahrgang 1955 und immer noch aktiv dabei. Der hat also schon ein paar Jahre auf dem Buckel! Zusätzlich betreibt der eine Fußballschule auf Hawai. Der ist schon eine Ikone in der Sportart.

Warum hast du eigentlich einen Manager?

(lacht) Ja, der muss mir natürlich die Auftritte an Land ziehen und alles organisieren, damit ich mich auf meinen Auftritt konzentrieren kann.

Das heißt, alle in der Szene haben einen Manager?

Man kann schon sagen, dass alle Top-Freestyler bei einer Agentur unter Vertrag sind oder ein Management haben.

Wie bist du überhaupt zum Freestylen gekommen?

Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich glaube 2003 war mal eine Freestyle-Kampagne mit Ronaldinho und Stickman in der Werbung. Da habe ich mich inspirieren lassen und bin raus auf den Bolzplatz gegangen, dort habe ich dann den „Around the World“ versucht. So hat sich das entwickelt, da habe ich dann teilgenommen aber irgendwie danach auch den Faden wieder verloren und erstmal nur noch Fußball gespielt. 2004/05 war ich dann in der 11. Klasse über einen Schüleraustausch in Porto Alegre in Brasilien und dort viel Futsal gespielt. Dabei habe ich mir viele Tricks von den Brasilianern abgeschaut, und so bin ich dann zum Freestylen gekommen. Ich habe im Internet geschaut, was für Tricks es gibt und wie sich die Szene entwickelt und damit begonnen, täglich Tricks auszuprobieren, nachzumachen und selber zu kreieren. Anfang 2006 bin ich zu 4attention gestoßen – und seitdem ist die ganze Geschichte eigentlich auch schon professionell.

Wie zeitintensiv ist das Training bei dir?

Vor Meisterschaften sehr zeitintensiv, da trainiere ich dann schon zwei Stunden täglich. Aber hier an der Sporthochschule sind ja zum Glück genügend Hallen, das ist natürlich optimal für den Winter.

Und wenn kein Wettbewerb ist, läuft das nebenher oder nimmst du dir wirklich vor: Heute muss ich noch zwei Stunden trainieren?

Das ist unterschiedlich. Häufig trainiere ich zusammen mit Dominik Kaiser und Adrian Fogel, die auch hier in Köln wohnen. Dann treffen wir uns an der Domplatte, stellen noch einen Hut auf und machen eine Show zusammen. Das ist auch ganz gut, um unsere Synchron-Elemente, die wir zur Musik machen, zu trainieren. Aber die meiste Zeit trainiere ich alleine, und da muss ich mir schon mal in den Arsch treten. Jetzt vor der Weltmeisterschaft sowieso, man arbeitet halt immer auf bestimmte Ziele hin, nimmt sich einen Trick vor und übt den. Da steckt letztlich dann doch eine Menge Arbeit hinter!

Wie ist der Kontakt in der Freestyle-Community untereinander?

Man kennt sich auf jeden Fall gut , es gibt auch öfter Meetings wie diese Jahr zum Beispiel in Prag. Dort werden dann auch Battles gegeneinander organisiert; einfach, um sich kennen zu lernen, die Szene bekannter zu machen und Spaß zu haben. Das kann man mit dem Break Dance vergleichen, mit Anfängen in ganz kleinen Communities, die nach und nach wachsen. So gibt mittlerweile auch ältere Freestyler, die erfolgreich sind und den jüngeren Tipps geben. Das ist schön zu sehen, dass es immer mehr Kids gibt, die Spaß an dem Sport finden.

Wie sieht es denn generell mit dem Nachwuchs in der Szene aus?

Ich denke schon, dass das noch explodieren wird. Wir geben auch Trick-Camps, und da sehen wir, dass die Zwölf- und die Dreizehnjährigen richtig gute Sachen drauf haben. Wenn die am Ball bleiben, können die noch weit kommen!

Wie ist Deutschland im internationalen Vergleich zu sehen?

Deutschland hat eine sehr vielseitige Szene. Es gibt Länder wie Polen mit sehr vielen Lower Freestylern - das heißt, sie arbeiten sehr viel mit den Füßen - oder die Japaner, die ich für mit die stärkste Nation halte. Die trainieren sehr viel und sind wirklich technisch stark, dazu auch noch kreativ, was bei anderen Nationen vielleicht etwas fehlt. Brasilien hat viele gute Freestyler, und der aktuelle Weltmeister, Arnaud „Séan“ Garnier, kommt aus Frankreich. Da gibt es eine sehr urbane Szene, mit vielen Basketball- und Breakdance-Elementen. Deutschland braucht sich aber im internationalen Vergleich nicht zu verstecken.

Wie siehst du deine Chancen in Südafrika?

Mein Ziel ist auf jeden Fall, die Vorrunde zu überstehen – wie Dominik Kaiser letztes Jahr. Die Top-16 wäre schon ein Erfolg für mich. Wenn man sich da zu zählen darf...Schließlich kommen in Südafrika die 60 besten Freestyler der Welt zusammen, die sich in den jeweiligen Ländern auch erst durchsetzen mussten. Wenn ich die Qualifikation überstehen sollte, ist eh alles möglich! Von Runde zu Runde kann man sich dann steigern.

Also ist die Tagesform schon sehr entscheidend?

Ja, auf jeden Fall. Die Juroren machen natürlich vieles aus; die Zuschauer, wie man gepusht wird und wie man drauf ist. Selbstvertrauen, wenn man einen Trick macht und der gelingt und man vielleicht noch einen schwierigeren versucht. Da muss man wirklich in sich rein horchen, wie ist die Tagesform, wie bin ich drauf.

Und welchen Anteil hat das Publikum dabei?

Einen riesigen, man hat das ja hier in Köln gesehen. Da hat mich das Publikum unterstützt und richtig gepusht, um auf der Bühne Gas zu geben und richtig Spaß zu haben. Das macht natürlich viel mehr aus, als wenn man vor einem stillen Publikum steht und stupide sein Ding macht.

Du hast die Richter erwähnt – wie subjektiv sind denn die Juroren in ihrer Bewertung?

Die Bewertung ist natürlich subjektiv – es ist ja nicht so wie beim Eisskaten, wo es eine feste Punktetabelle gibt. Ich finde das auch gar nicht schlimm, klar gibt es da nach jedem Battle Diskussionen: Der war besser, ich mag halt lieber Spaghetti. Es bleibt dann letzlich subjektiv, aber davon lebt der Sport.
Nebenverdienst: FreestylenWie nervös ist man vor so einem Live-Auftritt?

Das legt sich mit der Zeit. Eine gewisse Grundspannung ist ja nicht schlecht, das hilft ja dem Körper, sich in solchen Momenten zu konzentrieren. Zu viel ist auch nicht gut, aber eine gewisse Nervosität bleibt und wird auch bleiben.

Was ist, wenn wirklich etwas schief geht – gibt es feste Regeln, wie man sich verhalten sollte?

Unsere Choreografin hat immer gesagt, dass man aus solchen Fehlern am meisten lernen kann. Das zeigt ja eigentlich die Skills; wie man improvisiert. Man muss den Fehler halt kaschieren, was natürlich nicht möglich ist, wenn der Ball zum Beispiel von der Bühne springt - dann steht man da wie Hans Depp. Aber eigentlich macht man normal weiter, lacht da drüber und die Zuschauer verzeihen auch viel.

Du hast am Anfang schon die Werbung erwähnt – wo nimmst du sonst die Inspiration für deine Tricks her?

Heute gibt es ja die Community, mit Youtube, MyVideo und so weiter. Das hilft der Szene, sich auszutauschen. Da sind wir natürlich aktiv und schauen auch die Videos der Konkurrenz, da übernimmt man dann – zum Beispiel von den Japanern – Tricks und entwickelt diese dann weiter.

Hat denn jeder Freestyler mittlerweile einen Account bei Youtube?

Das gehört mittlerweile zum Grundrepertoire mit dazu, dass man sich da austauscht. Was es da alles gibt: Facebook, Myspace und so weiter, da hat jeder schon Online-Kontakte.

Gibt es bei den Tricks den eine Art Tabelle, die angibt, welche die Schwierigsten sind?

Nein, das ist Mundpropaganda. Man sieht natürlich, welche schwieriger sind, aber eine offizielle Einstufung gibt es nicht.

Was sind denn das überhaupt für Menschen, die Freestyle machen?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe da schon die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt, aber sie alle lieben diesen Sport. In der Hinsicht sind sie schon ein bisschen verrückt. Sie reisen viel, tauschen sich aus und leben für diesen Sport. Man trifft da die allermöglichsten schrägen Vögel, das macht das Ganze eigentlich auch aus – dieser Zusammenhalt, dieser Austausch, da entstehen schon Freundschaften.

In welchem Alter sollte man denn mit dem Sport anfangen?

Das ist relativ offen, aber so mit 14, 15 Jahren lernt man noch schnell. Außerdem bringt man da noch viel Motivation und die Zeit neben der Schule mit. Das ist das optimale Alter, aber man natürlich auch später anfangen.

Können die Aktiven denn auch normal Fußball spielen?

(lacht) Die Frage hören wir natürlich öfters. Es gibt solche und solche. Bei uns hat Adrian Fogel zum Beispiel bei Herthas Amateuren gespielt, Dominik Kaiser beim VfL Bochum in der Jugend. Ich habe es leider nicht ganz so weit gebracht, Oberliga was das höchste was ich im Jugendbereich gespielt habe! Wir waren alle recht gute Fußballer, aber wir haben uns dann irgendwann auf das Freestylen konzentriert.

Gibt es denn auch Freestyler, die nie in einer Mannschaft gespielt haben?

Ja, die gibt es natürlich auch. Man kann das eine auch ausschließen.

Gibt es denn einen deutschen Profikicker, von dem du glaubst, dass er es mit euch aufnehmen kann?

Nein, glaube ich nicht. Ich habe mal einen Bericht über Josip Simunic gesehen, der nach dem Training ein paar Tricks gemacht hat, aber das waren wirklich die Freestyle-Basics. Mit uns aufnehmen können die es wohl nicht.



Weitere Informationen zu Timo Löhnenbach und den Freestylern der Agentur 4attention findet ihr unter www.united-freestyler.com..

Selber Lust aufs Freestylen bekommen? Wir verlosen drei DVDs „Street Skills“, in der Timo und Co euch über 60 verschieden Moves zeigen! Einfach eine E-Mail mit dem Begriff „Freestyle“ und eurer Adresse an: info@bolzen-online.de; die ersten drei Einsendungen gewinnen!

Autor: Paul_Bolzen


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