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Zu Besuch bei Familie Panini in Modena Ein kleines Bild mit Engelsgesicht [20.05.06]
Fußball und Religion. Zwei elementare Bestandteile im Leben so ziemlich jeden Italieners. Kein Wunder, dass der gläubige Katholik Franco Panini aus Modena mit seinen drei Brüdern Fußballsticker herstellte. Die Erfindung wurde spätestens ab 1974 auch hierzulande zum Freizeitspaß unter Fußballfans; heute pilgern sogar vereinzelt Fußballstars in die heiligen Produktionshallen. Wir waren in Italien, als dort gerade die Sticker-Serie zur WM 2006 hergestellt wurde.
 Christoph Metzelder ist Vizeweltmeister und WM-Teilnehmer. Ein Werbestar, ein Publikumsliebling und ein Sammelobjekt. Der Verteidiger des BVB weiß, wem er seinen Karrierestart verdankt – den Sammelbildern von Panini: »Die Faszination für den Fußball ist dadurch entstanden, dass ich wirklich vor dem Kindergarten eines dieser berühmten Panini-Bilder von der WM 1986 gefunden habe.« Und zwar das Bild von Karlheinz Förster – dem Treter mit dem Engelsgesicht, so sein Spitzname - damals in der Abwehr des VfB Stuttgart. Metzelder erklärte daraufhin Förster zu seinem Idol und Stuttgart zu seinem Verein. Sein Vorbild spielte beim VfB mit Stars wie Bruder Bernd, der auch Nationalspieler war, Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald zusammen. Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt Karlheinz Förster 81 Spiele. 1986 wurde er Vizeweltmeister. Für Christoph Metzelder bedeutete der Fund des Panini-Stickers aber noch mehr, die Entdeckung einer weiteren Leidenschaft nämlich: »Ich habe dann auch mit meinen Brüdern getauscht und gesammelt.« So wie ganz viele Sticker-Fans in der Welt.
|  Zu Besuch beim heiligen Vater
Modena im Norden Italiens. Hier in der Region Emilia Romagna schlägt so manches Herz höher: Das der Autofans, denn hier werden unter anderem Lamborghinis, Maseratis und Ferraris gefertigt, und das der Sammler von Fußballbildern. In der Fabrik von Panini im Nordwesten Modenas wird gerade
die WM-Kollektion produziert: Die Maschinen laufen 21 Stunden am Tag. 200 Frauen und Männer im Höchsteinsatz, um täglich 65 Millionen und insgesamt 2,5 Milliarden WM-Bildchen herzustellen. Panini rechnet dank der Fußball-WM 2006 mit einem Umsatz von 500 Millionen Euro. Für Bildchen-Macher
und Sammler ist die WM immer wieder ein Höhepunkt.
»Alle diese Sticker sind Erinnerungsstücke«, sagt Franco Panini, während er im WM-Album von 1970 blättert. Er und Umberto Panini sind die zwei noch lebenden der vier Brüder, die die Sticker-Firma ins Leben riefen und bis 1988 besaßen, bevor sie an die Gruppe des Medientycoons Robert Maxwell verkauft wurde. Franco Panini gründete 1989 den Verlag »Franco Cosimo Panini Editore« – der Sitz liegt gerade mal zehn Autominuten von der Panini-Fabrik entfernt. Noch heute arbeitet der 74-Jährige in seinem Verlag – so als wäre er erst vierzig. Zu den Veröffentlichungen zählt eine mehrteilige Enzyklopädie über die Panini-Sticker. Bekannt ist der Verlag aber vor allem für seine religiösen Publikationen. Zur Vorstellung einer riesigen Bibel war Franco Panini sogar beim Papst eingeladen.
|  Das Paradies im Kuhstall
»Er ist jetzt Biobauer in Modena. Das ist sein neues Hobby«, berichtet Franco über seinen Bruder Umberto, der eine Farm namens »Hombre« betreibt. Sie erinnert an eine amerikanische Ranch und beherbergt unzählige Kühe, die literweise Milch für Parmesankäse liefern. Zur Entspannung werden sie
mit klassischer Musik beschallt.
Wenige Meter von den Kühen entfernt stehen etwa 20 Maseratis: »Auch ein Hobby von Umberto.« Um der Stadt Modena außergewöhnliche Maseratis, die nach einer Museumsauflösung versteigert werden sollten, zu erhalten, kaufte er sie und errichtete ein eigenes Museum auf seiner Bio-Farm. Dort stehen
nun der 6CM von 1936, von dem nur 27 produziert wurden, und viele andere Prachtstücke, die Interessierte bewundern können.
Franco Panini erinnert sich am liebsten an die spannendste Zeit mit Umberto und seinen anderen beiden Brüdern, Giuseppe und Benito: »der Beginn der Sticker-Produktion.«
|  Vier Brüder für ein Hallelujah
Die beiden ältesten der vier Panini-Brüder, Giuseppe und Benito Panini, gründeten 1954 einen Zeitungsvertrieb. Neben Zeitungen und Magazinen verkauften sie auch Sticker. Das Interesse der Kunden war groß. Doch die Art der Sticker gefiel
den beiden nicht. Eines Abends rief Giuseppe Panini seine drei Brüder zusammen, um ihnen von seiner Idee zu erzählen: »Er sagte, dass die Klebebildchen etwas ganz Besonderes seien und wenn es sie gäbe, dann bedeute das, dass sie jemand herstelle. Und wenn sie jemand herstellt, dann könnten wir das auch, meinte er. Aber wie sollten wir selber welche
herstellen? Wir hatten keine Ahnung, wie das gehen sollte. « Eines war aber klar: Auf die Sticker gehörten Fußballer. Und zwar die komplette italienische Serie A. Denn wie in Italien üblich, war und ist auch für die Panini-Brüder Fußball
ein Heiligtum.
|  Obwohl die Brüder nur Schwarz-Weiß-Bilder der italienischen Spieler als Vorlage hatten, wollten sie bunte Sticker herstellen. Bruno Bolchi, der Kapitän von Inter Mailand, sollte der Erste sein. Nach mehreren Wochen fanden Franco und Giuseppe einen Fototypografen, der ihnen versprach, aus
dem Bolchi-Foto einen bunten Sticker zu machen. Eine Woche später hatten sie vor Augen, was sie sich erträumt hatten: »Bruno Bolchi als kleines buntes Bildchen. »Es war, als hätten wir die Madonna gesehen. Denn nun wussten wir, wie wir aus
400 Schwarz-Weiß-Fotos 400 Sticker machen konnten. Das war der erste große Erfolg unserer Familie.«
|  Das Antlitz Schnellingers
Die erste Sticker-Kollektion – mit den Mannschaften der Serie A der Saison 1961/62 – kostete pro Päckchen mit jeweils zwei Bildern zehn Lira. Niemand außer den Brüdern ahnte, dass mit den Stickern viel Geld zu machen war. Deshalb
mussten sie auch noch nichts für die Persönlichkeitsrechte der Spieler zahlen. Der Anfang war gleich ein großer Erfolg: Im ersten Jahr verkauften die Brüder drei Millionen Sticker.
Trotzdem gab es Probleme: Nicht immer konnten die Spieler im Trikot fotografiert werden. Den deutschen Abwehrspie-ler Schnellinger, Vizeweltmeister 1966, lichteten die Brüder
am Flughafen ab – im Mantel. »Wir haben dann den Kopf von Schnellinger auf den Körper eines anderen Spielers gesetzt. Schnellinger war da kein Einzelfall.« 1970 veröffentlichte Panini
das erste WM-Album. In Deutschland brachte Panini erst 1974 ein Album auf den Markt – auch zur WM. Von da an wurde weltweit getauscht und gesammelt. Legenden machen bis heute die Runde…
|  Metzelder stellt die Glaubensfrage
»Da ich ja selber auch lange Zeit gesammelt habe, bin ich natürlich davon überzeugt, dass da so eine künstliche Verknappung – besonders der Wappen- und Stadionbilder – existiert«, sagt Christoph Metzelder. Solche Theorien pflegen viele Sammler. In der Panini-Fabrik mischt die entscheidende Maschine kleine Stickerbögen zusammen – die so genannten Quadrotten. »Die Quadrotten werden gemischt, um doppelte Bilder zu vermeiden. Nach einem komplizierten mathematischen Schlüssel werden aus jeweils 20 Blättern Sets zusammengestellt. Dann werden die Quadrotten in Einzelbilder geschnitten«, erklärt Massimo Felicani. Er ist der Produktionsleiter bei Panini und war ein leidenschaftlicher Panini-Sammler in seiner Kindheit. »Wir produzieren alle Sticker einer Kollektion in der gleichen Anzahl. Es gibt keine Bilder, die besonders selten sind. Wir manipulieren nicht.«
| Die Jünger Paninis
Nicht nur Christoph Metzelder beschäftigen solche Fragen. Manche Fußballstars wollten ganz genau wissen, was bei Panini vorgeht. Zico, Gianni Rivera, Paolo Maldini und der gesamte AC Mailand besichtigten die Fabrik. Auch Franco Panini
kommt immer wieder gerne vorbei. Doch den Verkauf der Firma bereut er nicht. Die Fortführung als Familienbetrieb hätte vermutlich im Chaos geendet: »Wir vier Brüder haben 16 Kinder, davon zehn Mädchen. Die hätten wiederum zehn Ehemänner mit in die Familie einbringen können. Das war wirklich ein ernstes Problem.« Auf sein Lebenswerk und das
seiner Brüder ist er stolz: »Selbst in ärmeren Ländern wird leidenschaftlich gesammelt. Unsere Sticker gibt es mittlerweile überall auf der Welt.«
Das für ihn wichtigste Sammelobjekt bekam Christoph
Metzelder vor ein paar Jahren von Freunden zum Geburtstag überreicht: »Das besagte Bild von damals, unterschrieben und mit einem Brief von Karlheinz Förster versehen. Das war ein sehr schönes Geschenk für mich.« Christoph Metzelder ist
verblüfft über die Entwicklung seines Lebens – vom Sammler zum Sammelobjekt: »Schon lustig, wie sich die Geschichte dann so abschließt und einfach rund wird, dadurch dass ich jetzt selber auf diesen Bildern bin.«
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Autor: Sebastian Ziegler Bilder: Sebastian Ziegler/Holger Risse
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